Madurai Tamil Nadu

Indien

Südindien (Kerala und Tamil Nadu)

Eigentlich wollten wir dieses Jahr nach Costa Rica fahren. Mal eine Asienpause. Die Reiseführer waren schon gekauft. Am Tag als wir den Flug nach San José buchen wollten, entschieden wir uns kurzerhand um: doch wieder Asien! Eigentlich hatten wir immer ein bisschen Bammel vor Indien gehabt. Vor der Armut, verdorbenen Mägen (man hört ja so einiges auf Reisen) und ja, auch vor dem Dreck. Eigentlich. Aber nach so vielen Asienreisen war die Zeit einfach reif für Indien. Aus den 28 Bundesstaaten Indiens suchten wir uns Kerala aus – Indien für Anfänger. 32 Mio. der 1,3 Milliarden Inder leben dort. Anfang Februar landeten wir also im Südwesten Indiens, in Kochi (Cochin). Kerala bedeutet ‚Land der Kokospalmen‘. Der Name erklärte sich schon beim Anflug auf Kochi: ein grünes Meer aus Palmen. Nachdem wir unsere Fingerabdrücke und unser Visum am Immigration-Schalter abgegeben hatten, standen wir als einzige Europäer vorm Flughafen. Der Fahrer, den unser Hotel geschickt hatte, erkannte uns daher sofort unter all den indischen Mitreisenden, die ihre zahlreichen mitgebrachten Pakete und Gepäckstücke verstauten. Wir fuhren nach Alleppey (Alappuzha), ins Beach Garden Hotel, um erst mal zwei Tage am Meer zu verbringen. Das Haus mit 6 Bungalows gehört einer Deutschen, Daniela, die in Varkala ihren Mann kennengelernt hat und hier blieb.

Vor dem Hotel war der Strand. Kein Badestrand im klassischen Sinne, sondern einfach ein schöner Strand, mit bunten Fischerbooten, wilden Hunden und etwas Müll von der letzten Hochzeit. Für die Fischer dort ohnehin völlig befremdlich, dass die wenigen Hotelgäste dort kurz ins Wasser springen. Man hält gegenseitig respektvollen Abstand. Wir sahen dort Delfine und an einem Tag eine Zeremonie, bei der die Asche eines Verstorbenen ins Meer gestreut wurde. Eine Zeremonie, die unter die Haut geht. Ein friedvoller Ort, abseits jeden Trubels. Der Bau eines Nachbarhotels wurde gestoppt, weil die Fischer Unterschriften dagegen gesammelt hatten. Alleppey, eine alte Handelsstadt, wirkt wenig touristisch, obwohl es das Tor zu den berühmten Backwaters ist. Daniela organisierte für uns eine Tour mit Übernachtung auf einem Hausboot. Die Backwaters sind ein weit verzweigtes Netz aus fast 2000km Wasserstraßen, Lagunen, Seen und Schwemmland, welches sich zwischen Kochi und Kollam erstreckt. Verkehrsader und Lebensraum für Einheimische, die in bunten Häusern am Ufer Wäsche und Geschirr waschen oder morgens Zähne putzen – eine Zeitreise auf nachgebauten Reisbarken. Links und rechts Kokospalmen, Bananenstauden und sattgrüne Reisfelder. ‚God’s own Country‘ soll Paul McCartney über Kerala gesagt haben. Inzwischen ein Werbeslogan, in Kochi steht der Spruch auf den Straßenschildern.

Was soll ich sagen: die Backwaters sind zauberhaft schön! Gemächlich mit den anderen Booten durch die tropische Landschaft zu schippern, die Frauen in ihren bunten Saris, die rosa, gelb, blau oder grünen Häuser, das glitzernde Wasser, indische Musik, die von Nachbarbooten rüber hallt, Fischer und badende Kinder… die amphibische Welt der Backwaters wird mir in Herz und Gedächtnis bleiben. Das Hausboot hatten wir ganz für uns inklusive reizendem Kapitän und Koch, somit fühlten wir uns noch dazu ein wenig wie Maharani. Zum Übernachten legten die Boote dicht an dicht vor einem Dorf an, auf dem Boot neben uns feierte eine indische Familie. Nebenbei: Ein wenig komisch wird man hier als Frau ohne männliche Begleitung schon angeschaut. Mit etwas dickem Fell gewöhnt man sich daran. Je nachdem wo man ist, sollte man allerdings mit Einbruch der Dunkelheit ab 18.30 Uhr ein Tuktuk dem Spaziergang definitiv vorziehen. Abends sieht man in dieser männerdominierten Gegend, kaum Frauen mehr, schon gar nicht alleine. Zurück zu den Backwaters: Über 1000 Boote soll es geben, wobei wir zu 90% Inder, die Ausflüge machten, auf den Booten sahen.

Che Guevara und die rote Fahne mit Hammer und Sichel sieht man ebenfalls in den Dörfern der Backwaters, wie überall in Kerala. Kerala war das erste Land der Welt, in dem eine kommunistische Partei an die Macht gewählt wurde. Seither wechseln sich hier die CPI und die größte Partei Indiens, die Kongresspartei, immer wieder ab. Es gibt zig Gewerkschaften in Kerala, was fast alle zwei Wochen zu Streiks führt. Nichts geht mehr. Wir erlebten zum Glück keinen.

Die Fahrt von Alleppey nach Fort Cochin, der Altstadt von Kochi, wo wir zwei Tage bleiben wollten, ließ mich endgültig jeden Zweifel an einer Indienreise vergessen. Was für Farben, was für eine herrliche Landschaft! Am Straßenrand lächelten mir weichgezeichnete Jesusplakate entgegen. Soviel bunte, große und fröhliche Kirchen wie auf dieser Fahrt sah ich nirgendwo zuvor. Ein paar der Kirchen schienen einem Disney-Film entsprungen zu sein. In Kochi rief außerdem der Muezzin. 80% der Inder sind natürlich Hindus, 14% Muslime, aber im Vielvölkerstaat Indien gibt es alles, Millionen Christen, Sikh, Buddhisten.

In Kochi gibt es sogar ein jüdisches Viertel. Am Kap des Subkontinents gibt es eine Stadt, die religiös so tief gespalten ist, dass eine Grenze durch die Stadt führt. Nationalistische Hinduparteien gehen in den letzten Jahren in ganz Indien teils brutal gegen Muslime vor. In Varkala wohnten wir nahe einer Moschee, morgens um 5.00 Uhr rief der Muezzin, hier schien das religiöse Miteinander gut zu funktionieren.

Zurück zu Kochi: „Die Königin des Arabischen Meeres“ ist die zweitgrößte Stadt Keralas und besteht aus mehreren Vierteln auf Halbinseln und Inseln. Die Altstadt Fort Cochin fanden wir sehr schön. Die Stadt ist die älteste europäische Siedlung Indiens, Vasco da Gama landete hier um die Handelsroute der alten Seidenstraße abzulösen und Pfeffer, Zimt oder Vanille nunmehr direkt mit dem Schiff ins gewürzgierige Europa zu importieren. Er ist hier begraben. Auch hier Kirchen, chinesische Fischernetze (eine Holzkonstruktion mit großen Netzen, ein beliebtes Fotomotiv) und schöne Häuser. Die schönen Fischernetz Fotos, die man im Allgemeinen sieht, täuschen übrigens: Der Strand von Kochi ist völlig vermüllt. Im jüdischen Viertel mit alten Synagogen, von denen man die Paradesi Synagoge noch besichtigen kann, Gewürzlagern und vielen Läden, vom riesigen Antiquitätenhandel bis zum Souvenirshop mit Pashminas, liegt dagegen ein Duft von Kardamom und Pfeffer in der Luft. Und die Aufforderungen der Ladenbesitzer ihre Auslage zu begutachten.

Cochin

An einem Bootsanleger in Kochi sprach uns ein Mädchen mit ihrer Familie im Schlepptau an. Sie wollte ein Selfie mit uns und fragte, ob es Arbeit in Deutschland gäbe. Viele der indischen Uni Absolventen gehen ins Ausland.

Kerala liegt übrigens mit einer Alphabetisierungsrate von fast 100% weit über dem indischen Durchschnitt von 71% (Frauen 61%). Die Sterblichkeit hier liegt 10 Jahre höher als im restlichen Indien.

Wie ‚reich‘ Kerala im Vergleich ist sahen wir, als wir in den östlichen Nachbarstaat Tamil Nadu fuhren. Aber dazu später. In Kochi sahen wir Kathakali, ein Geschichtenspiel, pantomimisch getanzt, die Aufführungen können bei Tempelfesten die ganze Nacht dauern. Die aufwendig geschminkten Darsteller studieren diese Tanzform 6 Jahre lang. Wir schauten beim Schminken zu und sahen dann 1 Stunde eine Kurzform für Touristen. Ein für uns schräges und zugleich tief beeindruckendes Schauspiel mit Augenrollen, großen Gesten und präzisen Bewegungen. Das grün geschminkte Gesicht des Kathakali-Tänzers, der das Gute repräsentiert, schmückt zahlreiche Indienbildbände.

Während ich dies schreibe, sitze ich im Zug, an mir ziehen Reisfelder und im Hintergrund Hügel vorbei. Wenn der Wind so über die sattgrünen Reisfelder streift, möchte man sich am liebsten reinlegen.

‚Chai Chai‘, ‚Tee Tee‘ rufen die Teeverkäufer, die ab und zu durch den Zug mit Gebäck in einem Korb laufen. Auf Reisen bekommt man Hunger, es kommen immer wieder Verkäufer mit Essen, eine Ananasverkäuferin balanciert eine große Schüssel mit geschnittener Ananas auf ihrem Kopf und ruft ‚Pineapple‘. Wir sitzen im klimatisierten Chair Car, es gibt sogar Steckdosen, quasi Businessclass in Indien.

Madurai Train
Madurai Train

Es gibt viele verschiedene Klassen bei den Zügen, das Zugticket hat uns der reizende Alby vom Fort Abode Hotel in Kochi organisiert. 6,10€ für 6 Stunden Zugfahrt. Er organisierte uns auch Shoban, unseren ebenso reizenden Fahrer, der uns von Kochi weiter nach Kumily brachte. Die Fahrt war kurvig, ich war froh, als wir kurz bei einer mit Girlanden geschmückten Kirche hielten. Bunte Menschen strömten gerade heraus, im Hintergrund waren grüne Teefelder. Glitzernde Girlanden sieht man um diese Zeit überall, es ist die Zeit der Tempelfeste, das gilt auch für die Kirchen. Es gibt sogar Leihelefanten für die hinduistischen Tempelfeste.

Zwischen Kerala und Tamil Nadu liegen die Western Ghats, eine Bergkette. Am Rand dieser Berge liegt Kumily, Grenzübergang zu Tamil Nadu und Eingangsort zum Periyar Nationalpark, unserem Ziel. Hier leben noch Elefanten und 42 Tiger. Bei unserer halbtägigen Jeep- und Wandertour sahen wir zwar nur Papageien und Vögel, aber die Natur war atemberaubend schön. Morgens um 6.00 Uhr ging es los, zuerst Halt an einer Teestube, einen Chai zur Stärkung und dann vorbei an den aufwachenden Häusern in den Periyar Park.

Es roch nach Eukalyptus, immer wieder tauchten dunkelgrüne Teefelder in der hügeligen Landschaft auf. Vereinzelt waren Teepflückerinnen bei der Arbeit mit kleinen Schirmen auf dem Kopf, gegen die Sonne. Wir wohnten in einem sehr schönen, kleinen Hotel inmitten der Cardamom Hills (die Ayurveda Massage im ‚Niraamaya Retreat Cardamom Club‘ kann ich nur empfehlen!).

Von dort fuhren wir über die Grenze nach Tamil Nadu. Shoban musste unsere Daten beim Grenzübergang angeben, während wir die wartenden bunten Busse und die bepackten Passanten, welche die Grenze von Kerala nach Tamil Nadu überschritten, beobachteten. Tamil Nadu war sofort anders, sichtlich ärmer, noch bunter, die Ochsen vor den Ochsenkarren hatten teils bemalte Hörner, Tempelfeste am Straßenrand. Tamil Nadu ist viel hinduistischer als Kerala. Wir wollten nach Madurai zum größten Heiligtum in Tamil Nadu. Die heimliche Hauptstadt Südindiens ist mit stolzen 2500 Jahren eine der ältesten Städte ganz Südasiens. Der Fluß, der die Stadt in Alt- und Neustadt teilt, ist Müllhalde, Spielplatz und Waschstelle zugleich. Das Verhältnis zu Müll ist, sagen wir ’speziell‘ in Indien.

Wenngleich die Umweltverschmutzung wirklich riesig ist, Indien hält auch einen sehr ehrenwerten Rekord: 38% der Inder sind Vegetarier und damit ist Indien vor dem zweitplatzierten Israel (13%) einsame Spitze. In keinem anderen Land sah ich so viele vegetarische Restaurants wie in Tamil Nadu. Viele Hinduisten essen sogar kein Gemüse, das in der Erde wächst, wie Kartoffeln, da beim Umgraben Würmer verletzt werden können. Aber ich schweife wieder ab, zurück zu Madurai:

Mit 1,2 Mio. Einwohnern ist Madurai für indische Verhältnisse eher klein, trotzdem ist die Stadt groß, laut, bunt und, wie ich finde: fantastisch! Mit dem Hupen der Fahrzeuge gingen wir ins Bett. Und mit Feuerwerk, es war Shivaratri, die Nacht des Shivas.

Eine Spa Besitzerin, bei der wir uns die Augenbrauen mit Zwirbel-Fäden zupfen ließen, erzählte etwas abfällig, dass hinduistische Frauen an Shivaratri zu Ehren ihrer Männer wach blieben. Sie war Christin, ihre Vorväter erzählte sie stolz, hatten die Bibel in Tamil übersetzt und sie erklärte uns, dass ein Ring am Zeh oder die rote Farbe am Haaransatz bei Frauen zeigen, dass sie verheiratet sind. Sie hatte mit 16 geheiratet und war hörbar empört, dass in ihrem Land viele Frauen nichts gelten. Ihre Enkelin studierte in Ungarn Medizin. Sie empfahl uns das Gandhi Museum zu besuchen und wir verabschiedeten uns mit schön geformten, geröteten Brauen und Dank für das nette Gespräch.

Unser Ziel am Tag darauf war der berühmte Minakshi Tempel, welcher Gott Shiva und seiner Frau Parvati gewidmet ist (auch Sri-Meenakshi-Sundareshwarar-Tempel genannt). Shiva erschien hier in seiner Form als Sundareshwarar, um Parvati (in Form der lokalen Göttin Meenakshi, die „Fischäugige“, dreibrüstige Kriegergöttin) zu heiraten. 33 Mio. Götterfiguren und Dämonen sollen die Türme des Tempels zieren. Die pluralistische Götterwelt des Hinduismus bleibt Mysterium und Faszinosum für mich. Die Dreieinigkeit von Shiva, Vischnu, Brahma, Zerstörer, Erhalter und Erschaffer, ist noch leicht, die zahlreichen anderen Götter und Mythen, allen voran der Schöpfungsmythos vom ‚Quirlen des Milchozeans‘, machen das ganze für mich etwas schwieriger. Ganz zu Schweigen vom Kastensystem.

Wir gingen vormittags zum Minakshi Tempel. Nach der Kleider- und Sicherheitskontrolle betraten wir eine andere Welt. Vorbei an Säulen und Männern, die bunte Blumenketten verkauften erreichten wir die Figur von Ganesha, dem liebenswürdigen elefantenköpfigen Gott, der Glück bringt und vorm Tempeleingang wachte. Beim Durchgang sahen wir mit Blick auf den Tempelteich, wofür der Minakshi Tempel berühmt ist: seine bunten und riesigen Tortürme (Gopurams). Gewaltig!

In den Säulengängen Familien, die am Boden pausieren und essen, Frauen, die Kokosölkerzen anzünden, teils mit gelb bemalten Gesichtern oder geschorenen Köpfen, Männer, die sich auf den Boden werfen und beten, Farben, Farben und Gerüche überall.

Vor dem Hauptkern, der nur Hindus zugänglich ist, stand eine Menschenschlange, Männer mit nackten Oberkörpern und orange farbenen Dhotis, ein Schild, das darauf hinwies im Schrein leise zu beten. Aus dem Inneren erklang das Om (Aum), der heilige Laut der Hindus. Nie zuvor habe ich so etwas gesehen.

Der Tempel mit seinen zahlreichen Besuchern und Gläubigen (10.000 sollen es angeblich pro Tag sein) ist atemberaubend. Ebenso die vielen Gassen um den Tempel, das Treiben und Hupen, die Marktstände, die Menschen – das pulsierende Leben. „Stadt des Nektars“ bedeutet Madurai. Der Legende nach, ließ Shiva Tropfen von Nektar (madhuram) von seinen Locken auf die Stadt regnen. Eine großartige Stadt! Ich bin froh, dass wir hier hergekommen sind! Von einer Dachterrasse aus schauten wir nochmal auf den Tempel, bevor wir zum Tirumalai-Nayak Palast, einem alten Maharaja Palast fuhren. Auf Empfehlung der Spa Besitzerin machten wir einen Halt bei Potys, einer Art Galeria Kaufhof in Indien. Hier gab es Saris in jeder Form und Preisklasse, sogar Party Saris. Die traditionelle Kleidung wird hier überall getragen, ich weiss allerdings nicht, wie es in Boomtowns wie Mumbai oder Neu-Delhi ist, da war ich nicht, aber auch die Männer hier tragen zu 90% bunte Dhotis, zum Wickelrock gebundene Tücher, welche man lang oder kurz tragen kann. Von Madurai nahmen wir also den Zug zurück nach Kerala, nach Thiruvananthapuram – einfacher: Trivandrum.

Auch der Bahnhof war bunt, die Anzeige der abfahrenden Züge leuchtete gelb, rot, blau, grün, am Boden saßen wartende Menschen, vor mir stand ein rosa gekleideter Mann mit grauem Haar und orange farbenem Kopfband und einem kunstvollen weiß-rotem Rechteck auf der Stirn. Ein Tika (Tilaka), ein Segenszeichen, an der Stelle des ‚dritten Auges‘. Einige

Madurai Train
Madurai Train

Tilakas weisen auf die Religionszugehörigkeit hin (nicht, wie viele Europäer vermuten, auf die Kaste). Die aufgeklebten oder aufgemalten Punkte heissen ‚Bindi‘. Vorm Madurai Tempel klebte mir eine Frau ein Bindi auf. Da im Tempel eine Inderin ein Selfie mit mir machen wollte, gibt es ein Beweisfoto. Auch die Kinder haben Bindi auf der Stirn, die kleinen zweijährigen Mädchen schon Armreifen und Fußkettchen. In Alleppey waren wir in ‚Bhima‘ einem großen Schmuckladen, voll mit Gold. Indien ist der weltweit größte Goldkonsument, Gold ist hier, besonders für Frauen, die eiserne Reserve. Auf den Straßen ist überall Werbung für Schmuck. Gold zu verschenken ist Pflicht bei einer Hochzeit, dementsprechend viel Kundschaft steht hier im Bhimas. Schön sehen sie aus, die Inderinnen mit ihren bunten Saris und goldenen Ohrringen…

Gibt es bei aller Begeisterung und schönen Fotos auch etwas Unschönes zu berichten? Ach, kaum. Natürlich gibt es die erwartete Armut und den Dreck, aber es ist nicht so schlimm, wie ich dachte – wir sind allerdings auch im Süden und nicht in Kalkutta.

Müll am Strand
Müll am Strand von Kochi

In Madurai hatten wir eine kleine Auseinandersetzung mit einem Tuktuk Fahrer, der anfangs nett tat und am Ende ziemlich böse wurde, in der Meinung, er könne uns übers Ohr hauen. Und als einige Soldaten mit Maschinengewehren sich im Zug neben uns setzten war uns ein klein wenig mulmig zumute. Das war bei der zauberhaften Zugfahrt aber schnell wieder vergessen.

Inzwischen sind wir von Trivandrum nach Varkala gefahren, am Strand entlang, vorbei an den rosa, grün, blau getünchten Häusern, dahinter Wasserstraßen. Hier bleiben wir ein paar Tage, bevor wir zurück nach Kochi fahren. Varkala ist eine kleine Küstenstadt mit langem Strand und einem Kliff mit vielen Cafés, Geschäften und einem tibetanischen Markt. Wie in Madurai, sind hier einige Schneider, die einem in ein paar Stunden alles nähen, was man möchte. Varkala ist ein alter hinduistischer Pilgerort, der vor vielen Jahren von Rucksacktouristen auf der Suche nach einer Alternative zu Goa entdeckt wurde. Der ‚Sündenvernichter-Strand‘ Papanasam Beach vor den roten Klippen macht trotz Touristen einen eher leeren und friedlichen Eindruck. Hier gibt es einen Vishnu-Tempel, im Tempelteich davor baden die Männer. Wenn man die Schuhe abgegeben hat und die 10 Rupien Eintritt am Haupteingang bezahlt hat, wird ein Feuerwerkskörper mit lautem Knall angezündet.

In einen Baum beim Tempel stecken die Menschen ihre auf Zettel geschriebenen Wünsche. Am Tag unserer Abreise findet in Varkala ein Tempelfest mit Elefanten, Trommlern und Tanz statt. Da wäre ich nur zu gern dabei gewesen.

Unser Hotel am nördlichen Stadtrand hat einen kleinen Strand. Abends sieht man die Lichter der Fischerboote, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Morgens sind hier die Dorfbewohner, die ein riesiges Netz auswerfen und unter viel Gebrüll wieder einziehen, während wir paradoxerweise frühstücken oder Yoga machen. Ein Fischer ist auf einem Holzkanu am Ende des Netzes um die Fische ins Netz zu treiben, während die anderen ziehen. Eine Knochenarbeit für die alten Fischer.

Unser Yogalehrer Naresh übersetzte uns mal das Gebrüll: ‚Geh Du ans Seil und zieh stärker! Da drüben ist keiner und hier zu viele die ziehen‘. usw. Der Fang wird aufgeteilt und die Männer schwärmen in die Dörfer aus, um die Fische zu verkaufen. Direkt neben uns ist eine Wiese, nachmittags treibt ein Dorfbewohner eine Büffelherde an uns vorbei dorthin. Überall sind Krähen hier an der Küste, speziell hier in Varkala kreisen Bussarde und sogar Adler am Himmel. Raubvögel sahen wir schon in Kochi, aber so viele Weißkopfadler sah ich noch nie. Wenn die Fischer ihren Fang eingesammelt haben und die Netze lautstark zusammenlegen, kreisen die Raubvögel über den Resten während weiße Reiher bereit stehen. In Nullkommanix ist der Strand von den Vögeln wieder gesäubert und schon mittags springen die Hotelbewohner wieder in die mannshohen Wellen.

Eine Frau vor einem Shop am Kliff, die ihrem dreijährigen Mädchen etwas vorsang, fragte mich gestern nach dem üblichen ‚where are you from‘ was ich beruflich machen würde. Als ich sagte, ich sei Hotelmanagerin, sagte sie:’Oh you are so lucky, that is no hard work.‘ Ja, ich bin in der Tat very lucky.

Manchmal schauen die Inder hier recht ernst, aber wenn sie sich ein Lächeln ins Gesicht legen, ist es ein ganz besonderes und breites Lächeln. Und ich liebe das Kopfwackeln! Wenn die Inder überlegen wiegen sie den Kopf von links nach rechts.

Dieses Land mit seiner tausende Jahre alten Kultur ist etwas ganz besonderes: Philosophen, Dichter, Sanskrit, Tempel, Götter, Natur….Die Null wurde hier erfunden, die Zahl ohne Anfang und ohne Ende, die Schnittstelle zwischen dem Positiven und Negativen.

Bei Munnar in den Bergen gibt es eine Blume, die nur alle zwölf Jahre blüht und die Gegend in ein blaues Blütenmeer verwandelt. Dieses Jahr im August ist es wieder soweit. Das haben wir verpasst, aber ich werde sicher einmal hierher zurück kommen.

Um 8.00 Uhr morgens wird hier Yoga angeboten. Meine Lieblingsübung ist ja ‚Shavasana‘, die Ruhehaltung am Ende der Stunde – Naresh unser biegsamer Lehrer singt dazu. Zum Schluss singt er dreimal ‚Shanti Shanti Shanti‘. Klingt seltsam, ist es aber nicht – es wirkt selbstverständlich hier und es ist schön. So schön, wie das Land selbst. ‚Shanti‘ bedeutet ‚Friede‘.

Morgen holt uns der liebe Shoban ab und bringt uns zurück nach Kochi. Ich bin aufgefüllt mit Farben, Eindrücken, dem Geruch von Eukalyptus im Periyar Nationalpark, den Geräuschen, dem ‚Krah Krah‘, der Krähen, dem gesungenen ‚Om‘ aus dem Minakshi Tempel in Madurai, dem Duft der Gewürze, dem guten Geschmack von Nan Brot, Masala, Dal oder Rahita. Oder meinem Lieblingsgericht Palak Paneer (Spinat mit Frischkäse). Ich kann mich nicht mehr erinnern, warum ich eigentlich Bammel vor Indien hatte und erst mit 42 hierher gefahren bin. Vielleicht, weil ich nur Leute getroffen habe, die Indien entweder großartig oder grausig fanden. Ich für meinen Teil, finde es großartig! Fantastisch!

‚Incredible India‘ wirbt das Tourismusbüro Indiens für sein Land. Oh ja, Indien ist unglaublich. Unglaublich schön! Unglaublich bunt! Unglaublich liebenswert! Falls Ihr auch ‚eigentlich‘ immer schon dorthin wolltet: macht es, fahrt hin und überzeugt Euch selbst.

Liebe Grüße und: Namaste! Annette

Tipps:

  • Beach Garden (Alleppey)
  • Niraamaya Retreat Cardamom Club (Thekkady)
  • Dal Roti (leckeres Essen in Fort Cochin)
  • Fabindia (indische Bekleidungskette)

Route: Kochi-Alleppey-Hausboot Backwaters-Fort Cochin-Kumily/Periyar Wildschutzgebiet-Madurai -Trivandrum-Varkala-Kochi (Airline: Saudia Air) Dauer: 17 Tage

P.S.: Wie immer ein Dankeschön an meine liebe Reise-Freundin Elke, die seit Jahren Asien mit mir erkundet.

Kommentar verfassen